North-London-Derby am Sonntag: Wer ist die Nummer 1?

Der Tag, an dem Tottenham doch nicht an Arsenal vorbeizog

Wird's je wieder so "spursy"? Am letzten Spieltag ließ Tottenham Arsenal noch passieren.
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Selbst seine Biographie fängt damit an, mit diesem Tag, an dem es ein Absteiger war, der ihn auslachte, ihn blamierte und fassungslos zurückließ. Schwierig sei es jetzt, erzählte Mauricio Pochettino nach siebzehnmaligem Kopfschütteln, sich zuhause seinen Kindern und seiner Frau zu stellen, "denn das heute war eine Schande". Der Absteiger, der auch noch 30 Minuten mit einem Mann weniger gespielt hatte, feierte mit seinen Fans. Natürlich nicht den Abstieg, aber wenigstens dieses Fußballfest, dieses "Lehrstück in Sachen Mentalität".

Im Mai 2016 sah es zum ersten Mal seit Jahrzehnten so aus, als würde es Tottenham gelingen, eine Saison wieder vor dem verachteten Nachbar Arsenal zu beenden. Unter Pochettino hatten die Spurs einen attraktiven und erfolgreichen Offensivfußball entwickelt, eine herausragende Saison gespielt, in der es vorher eigentlich nur darum gegangen war, irgendwie unter die Top-4 zu kommen. "Das haben wir geschafft, fantastisch."

Englisch für Anfänger: Wenn man schon wieder alles verspielt

So zynisch Pochettino die beste Platzierung seit 1990 zur Kenntnis nahm, so grauenhaft waren die 90 Minuten davor. Beim bereits abgestiegenen Newcastle bekam Tottenham, das sich im Meisterschaftsrennen zu allem Überfluss auch noch Leicester City hatte geschlagen geben müssen , die Chance auf den Trostpreis. Vier Spieltage vor Schluss hatten die Spurs noch acht Punkte mehr auf dem Konto als der "große Nachbar" Arsenal, dessen Ehre ernsthaft auf dem Spiel stand.

Dann folgte das, was in England gerne "spursy" genannt wird; also irgendwie im letzten Atemzug noch alles zu verspielen. Mit 1:5 geriet Pochettinos Elf bei den Magpies, den Elstern, unter die Räder, landete auf Rang drei und wurde am letzten Spieltag doch wieder von Arsenal überholt. Wie den Gunners das gelang? Na klar, sie hatten das getan, was Tottenham nicht konnte, und einen schon feststehenden Absteiger geschlagen. "Spursyger" geht’s wohl wirklich nicht mehr.

"Wir waren wohl im Urlaub, das ist die Realität"

"Ich möchte mich bei unseren Fans entschuldigen", sagte Pochettino nach Abpfiff, sichtlich um Fassung bemüht, in gebrochenem Englisch. "Ich möchte mich auch bei unseren Familien entschuldigen, denn das heute war eine Schande." Wie es zu seinem "schlimmsten Tag als Trainer - in Spanien und in England" kam, war für Pochettino einfach zu verstehen. "Heute ging es nicht um Fußball, heute ging es nicht um Taktiken, heute ging es um Mentalität - und wir waren wohl im Urlaub, das ist die Realität."

Zum ersten Mal erlebte man diesen charismatischen Argentinier, der in viele seiner Sätze noch immer spanische Wörter vermischt, wirklich angefressen. "Das wird Folgen haben", setzte er noch nach - und sollte Recht behalten.

Zweieinhalb Jahre liegen Pochettinos Wut- und Tottenhams Zusammenbruch jetzt zurück. Seitdem haben die Spurs zweimal nacheinander besser abgeschnitten als der "große Nachbar", auch wenn der schon lange nicht mehr so groß ist wie früher. Auch jetzt, vor dem nächsten North-London-Derby am Sonntagnachmittag (15.05 Uhr, LIVE! bei kicker.de und im Stream bei DAZN ), hat Tottenham knapp die Nase vorn.

Arsenal ist jetzt das, was Tottenham damals war

Doch die Dinge haben sich geändert. Nicht, weil davon auszugehen war, dass es die Tabelle in etwa so aussehen würde, also mit Tottenham vor Arsenal. Sondern, weil Arsenal jetzt in der Rolle als Jäger glänzt und sich gerade neu erfindet. Unai Emery hat angeschlagene Özils und Aubameyangs wieder in die Spur gebracht, sie zu einem taktisch cleveren Haufen geformt, der seit 18 Pflichtspielen nicht mehr verloren hat.

Also zu eben genau das, was Tottenham seit über vier Jahren unter Pochettino schon ist. Auch bei diesem Haufen hat sich aber was verändert. Er spielt zwar gerade die erfolgreichste Saison, seit der manchmal erboste Südamerikaner das Sagen hat, nicht aber die beste; plötzlich ist Platz drei, sind zehn Siege aus 13 Spielen nicht mehr genug. Weil das neue Stadion, das passend zur neuen Zeitrechnung in Londons Norden eröffnet werden sollte, noch immer leer steht, und in der Champions League das Aus droht, ist die Stimmung ein bisschen getrübt.

Nach sechs Pflichtspielsiegen in Serie sind "wir auf dem Weg zu unserer besten Form", findet Jan Vertonghen, der beim 1:0 gegen Inter sein Comeback nach fast zwei Monaten feierte, und gibt zu: "Am Anfang der Saison haben wir Spiele gewonnen, aber nicht so überzeugend wie sonst. Jetzt werden wir mit jedem Spiel besser."

Ist klar: "Wir wissen sehr gut, was es unseren Fans bedeutet"

Das gilt für Arsenal noch nicht ganz. Die zwei Niederlagen zu Saisonbeginn gegen ManCity und Chelsea waren in der Findungsphase verständlich, es folgte ein Lauf mit elf Siegen in Serie und Emerys vielversprechender Feuertaufe gegen Liverpool. Arsenal hat schon jetzt so viele Auswärtssiege wie in der gesamten Vorsaison, aber auch noch nicht gegen ein Team aus den "Top Six" gewonnen - anders als Tottenham.

In den letzten 25 Jahren haben die Spurs nur einmal beim einst zu großen Nachbarn gewonnen, jetzt sind sie fast schon Favorit. "Derbys sind immer was Besonderes", sagt Pochettino das, was er sagen muss. "Wir wissen sehr gut, was es unseren Fans bedeutet." Aber das wussten sie an seinem "schlimmsten Tag als Trainer" ja auch.