Abschied ein Jahr vor Vertragsende

Nach 22 Jahren: Wenger tritt bei Arsenal zurück!

Im Sommer ist Schluss: Arsene Wenger hört als Arsenal-Coach auf.
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"Nach reiflicher Überlegung und anschließenden Gesprächen mit dem Klub habe ich das Gefühl, dass es die richtige Zeit für mich ist, am Ende der Saison zurückzutreten", wird Wenger am Freitagvormittag in einer Klub-Mitteilung zitiert, die den kurzen Titel "Merci Arsene" trägt. "Ich bin dankbar für das Privileg, dem Klub so viele Jahre lang gedient haben zu dürfen." Er habe ihn stets "mit voller Hingabe und Integrität geführt".

Der inzwischen 68-Jährige hatte Arsenal 1996 - damals zumindest in England noch relativ unbekannt - übernommen und aus ihm mit innovativen Methoden in den Bereichen Training, Transfers oder Ernährung einen der umsatzstärksten Klubs der Welt gemacht. 1998, 2002 und 2004 (ungeschlagen!) führte er die Gunners zur Meisterschaft, 2006 ins Champions-League-Finale, dazu kommen je sieben FA-Cup- und Supercup-Titel. 20 Jahre hintereinander qualifizierte sich Arsenal unter Wenger für die Champions League.

Gerade ist sogar Platz sechs gefährdet

In den vergangenen Jahren war Wenger jedoch zunehmend in die Kritik geraten - weil Titel und kluge Transfers zunehmend ausblieben und die Konkurrenz um Manchester City, Manchester United, Chelsea, Liverpool und - besonders schlimm - Erzrivale Tottenham sportlich nach und nach vorbeizogen. In der Vorsaison verpasste Arsenal erstmals in der Ära Wenger einen Platz unter den ersten Vier, in der laufenden ist sogar der sechste Platz gefährdet . Immerhin hat Wenger noch die Chance, sich mit dem Europa-League-Titel zu verabschieden und seinem Nachfolger damit einen Champions-League-Teilnehmer zu hinterlassen. Im Halbfinale wartet Atletico Madrid.

"Das ist einer der schwersten Tage, die wir in all unseren Jahren im Sport je erlebt haben", sagt Mehrheitseigener Stan Kroenke, dem in den USA noch viele weitere Sportklubs gehören. "Einer der Hauptgründe, warum wir uns bei Arsenal engagiert haben, lag in dem, was Arsene für diesen Klub auf und neben dem Platz getan hat." Wengers Beständigkeit werde für immer unerreicht bleiben. "Mit seiner Vision vom Fußball hat er sowohl die Identität des Klubs als auch die des englischen Fußballs verwandelt."

Es wirkt, als habe Wenger mit der Fußballentwicklung nicht mithalten können

Wenger etablierte in seinen Glanzzeiten einen weltweit bewunderten Kurzpass-Fußball, bis heute geht es ihm beim Gewinnen nicht nur um das "Ob", sondern auch um das "Wie". Er galt lange als großartiger Talente-Entdecker und -Förderer. Doch zuletzt wirkte es, als habe er mit der Entwicklung des Fußballs nicht Schritt halten können. Fans warfen ihm immer lauter Fehler in der Mannschaftszusammenstellung und taktische Engstirnigkeit vor, dem Team einen Mangel an Mentalität und Konstanz. Eine Elf gespickt mit Weltstars wie Thierry Henry oder Patrick Vieira hat Arsenal schon länger nicht mehr zu bieten.

Gegen einen Abschied hatte sich Wenger immer wieder gewehrt, erst vor einem Jahr hatte er erneut um zwei Jahre verlängert. Doch obwohl er regelmäßig betonte, seinen Vertrag mindestens erfüllen zu wollen, arbeitete der Klub im Hintergrund längst an der Zeit nach Wenger. Zahlreiche Posten wurden neu geschaffen oder besetzt , darunter der von Kaderplaner Raul Sanllehi oder Chefscout Sven Mislintat.

Seinem Ex-Kapitän bescheinigte Wenger schon das Potenzial, ihn zu beerben

Wer den Umbruch jetzt führen und einen der schwersten Nachfolger-Jobs, den der Fußball gerade zu bieten hat, übernehmen wird, ist noch offen. Ein Name, der sich hartnäckig hält, ist der von Ex-Kapitän Vieira (41), der seit 2016 MLS-Klub New York City FC trainiert. Dem Landsmann bescheinigte Wenger bereits "das Potenzial", ihn zu beerben. Er selbst, daran ließ er nie Zweifel, will seine Trainerkarriere noch nicht beenden, der Fußball bleibt sein Lebensmittelpunkt. Erst mal stehen in dieser Saison noch seine Premier-League-Spiele 824 bis 828 an. Am Sonntag (14.30 Uhr, LIVE! bei DAZN und im LIVE!-Ticker auf kicker.de) empfängt er mit Arsenal West Ham United.

Seine Botschaft an den Nachfolger und "alle Arsenal-Liebhaber: Hütet die Werte des Vereins". So steht es am Freitag in der Rücktrittserklärung, die seit 22 Jahren kein Arsenal-Trainer mehr verfassen musste. Sie endet mit den Worten: "Meine Liebe und meine Unterstützung für immer."