Deutschland: Licht und Schatten beim Confed-Cup-Auftakt

Leno verteilt Geschenke, Mustafi Komplimente

Tor-Premiere: Deutschlands Leon Goretzka (M.) trifft zum zwischenzeitlichen 3:1 gegen Australien.
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Junge Wilde versprühen Zauber

"Ich muss der Mannschaft ein Kompliment machen", sagte Mustafi nach der Partie. "Es sah nicht so aus, dass wir das erste Mal so zusammen gespielt haben." Doch die junge deutsche Startelf (im Schnitt 25,2 Jahre alt) wirkte wie aus einem Guss, kombinierte mit zahlreichen Kurzpässen nach vorne, ging intelligente Laufwege und gab auf dem Rasen in Sotschi klar den Ton an. Zusätzliches Selbstvertrauen gab der schnellste deutsche Treffer in der Confed-Cup-Geschichte, als Julian Brand in der 5. Minute für Lars Stindl zurücklegte, der auf 1:0 stellte. Für den 28-jährigen Gladbacher, immerhin zweitältester Spieler im DFB-Aufgebot, war es das erste Länderspieltor überhaupt. Kurz vor der Pause besorgte Kapitän Julian Draxler das 2:1 per verwandeltem Foulelfmeter (44.). Direkt nach Wiederbeginn erhöhte der auffällige Leon Goretzka nach Sahnepass von Joshua Kimmich auf 3:1 (48.). Auf für den 22-Jährigen Schalker war es eine Tor-Premiere in der A-Nationalmannschaft.

Viel investiert

"Wir haben eine sehr gute erste Halbzeit gespielt, gute Möglichkeiten herausgespielt, viel in Laufwege investiert. Wir hatten den Mut, nach vorne zu spielen, haben gut kombiniert", verteilte auch Bundestrainer Joachim Löw Komplimente. Eine "sehr gute erste Hälfte" mit "guten Möglichkeiten" hatte Stindl gesehen. "Wir hatten es gut im Griff, haben den Ball gut laufen lassen", befand Brandt. Und auch Kimmich bestätigte: "In der ersten Hälfte haben wir es super gemacht, sehr viel investiert, aber es ist zu wenig dabei rumgekommen."

Schwache Chancenverwertung

Knackpunkt war eben genau diese ausbaufähige Chancenverwertung. Stürmer Sandro Wagner, mit zarten 29 Jahren der "Methusalem" im Team, traf aus vielversprechenden Positionen das Tor nicht (16., 23.). Auch bei Brandt (21., 27.) fehlten nur Zentimeter. Der eingewechselte Timo Werner traf später auch noch den Pfosten (75.). "Wir hätten mehr aus den guten Chancen machen müssen", konstatierte Draxler unisono mit Brandt: "Unser größtes Problem war heute, dass wir aus unseren Chancen zu wenig gemacht haben. Wir hätten auch mit 3:1 oder 4:1 in die Pause gehen können."

Löw: "Ab der 60. Minute den Faden verloren"

Auffällig auch, dass die DFB-Elf nach einer Stunde nur noch kleine Dosen der anfänglichen Dominanz und Spielstärke versprühte. "Hinten raus haben wir dann nicht mehr ganz so mutig gespielt, hatten nicht mehr ganz die Kraft, weil wir in der ersten Hälfte so viel investiert hatten", fand Kimmich einen Lösungsansatz. Seine Mitspieler stimmten mit ein: "Den Zugriff verloren und dem Gegner zu viel Platz gelassen", monierte Goretzka, "nicht mehr so in die Zweikämpfe gekommen", erkannte Mustafi, "zu viele Bälle verloren", kritisierte Stindl. Löw sah es ähnlich: "Ab der 60. Minute haben wir dann ein bisschen den Faden verloren, nach vorne nicht mehr die Durchschlagskraft gehabt. Die Gegentore fielen aus dem Nichts."

Bitterer Abend für Leno

Aus dem Nichts und dank der Mithilfe von Torwart Leno. Beim 1:1 rutschte dem Leverkusener Keeper ein Schuss Thomas Rogic unter den Händen durch (41.). Beim 2:3 hatte der 25-Jährige die Kugel eigentlich schon sicher, doch bei der Landung fiel ihm das Spielgerät aus den Händen, Tomi Juric staubte ab (56.). Für den Schlussmann, der sich ansonsten kaum auszeichnen durfte, ein bitterer Abend. "Beim ersten Gegentor kann er sicherlich nichts machen, den zweiten Ball könnte er schon halten. Das passiert auch einem guten Torhüter mal", analysierte Löw. Der Bundestrainer war der einzige der Gefragten, der sich einen Kommentar zum Thema Torwartfehler entlocken ließ. Lenos Mitspieler wichen hingegen aus und verwiesen stattdessen auf die gesamte Mannschaft.

Mit Energie gegen Chile

Genau daraus wollen Deutschlands junge Wilde auch in den nächsten Tagen ihre Energie ziehen. "Das Teamwork ist sehr gut", bestätigt Löw. "Die Energie in der Mannschaft finde ich überragend. Die Jungs verstehen sich gut, kommunizieren, machen sich Gedanken, sind unheimlich ehrgeizig. Sie wollen das Turnier zu ihrem Turnier machen."

Hierfür könnte ein Erfolg gegen den Mitfavoriten Chile am Donnerstag (20 Uhr, LIVE! bei kicker.de) nicht schaden. "Es wird ein ähnliches hart umkämpftes Spiel wie heute. Chile ist mental und körperlich sehr stark. Wir werden Lösungen finden und dagegenhalten", versprach Brandt. "Wir dürfen uns nicht mehr so viele Fehler erlauben, müssen konzentriert sein, noch mehr investieren und vorne effizienter werden", blickte Kimmich voraus. "Chile ist auf jeden Fall eine der besten Mannschaften der Welt: taktisch sehr fortschrittlich, sehr weit. Wir müssen in der Lage sein, das Tempo von Chile zu gehen und die Konzentration hochzuhalten", meinte Löw.