RB Leipzig besteht Härtetest nicht

Hasenhüttls verbale Ohrfeige für Keita

Härtetest nicht bestanden: Naby Keita in Istanbul.
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Timo Werner hält sich sekundenlang die Ohren zu, lässt sich erst Ohrstöpsel reichen, dann sogar auswechseln: Haben die Besiktas-Fans den deutschen Shootingstar so sehr aus der Fassung gebracht? Diese Version verbreiteten jedenfalls türkische Medien am Tag nach dem 2:0-Sieg gegen RB Leipzig mit Vergnügen, garniert mit einem angeblichen Werner-Zitat ("Ich habe noch nie eine solche Atmosphäre erlebt, habe um Ohrstöpsel gebeten, aber das hat auch nicht geholfen"). Und ein wenig gepasst hätte es ja.

Denn dass die Leipziger vom Lärm im Istanbuler Vodafone Park beeindruckt, ja teilweise überfordert waren, hatte jeder gesehen - auch Trainer Ralph Hasenhüttl: "Wir waren von der Atmosphäre überrascht und konnten nicht dagegenhalten", sagte er. Es war eben auch das Duell der ältesten (29,93) gegen die jüngste Mannschaft (24,08) in der diesjährigen Champions League.

Ist Werner überlastet?

Werner, der in dieser Saison jedes Spiel von Beginn an bestritt, ließ sich allerdings wegen "Kreislauf- und Atemproblemen" (Hasenhüttl) auswechseln, deswegen hatte er auch um Ohrstöpsel gebeten - die Lautstärke hatte damit wohl nur am Rande zu tun. Eine ärztliche Untersuchung soll jetzt klären, ob er unter Überanstrengung leidet. Nach seiner Auswechslung immerhin ging es ihm bald besser.

Ob ihm alles zu viel war an diesem Abend, bleibt also erst einmal reine Spekulation. Bei einigen Mitspielern war das offensichtlicher: Kapitän Willi Orban und Naby Keita, der sich ja längst gerüstet sieht für einen internationalen Topklub und nächstes Jahr auch zu einem wechseln wird (Liverpool), musste Hasenhüttl auswechseln, weil sie Gelb-Rot-gefährdet waren.

Und Keita, vorher noch rechtzeitig genesen, musste nach dem Spiel auch noch eine verbale Ohrfeige einstecken. "Naby war nicht gut, er war nicht da", kritisierte Hasenhüttl ungewohnt deutlich. "Dementsprechend war es kein guter Zug, ihn hier zu bringen." Mit anderen Worten: Der 75-Millionen-Euro-Mann bestand den buchstäblichen Härtetest nicht.

"Für mich ist es als Trainer wichtig zu sehen, auf wen kann ich mich in solchen Momenten verlassen, wer steht trotzdem seinen Mann."

Ralph Hasenhüttl

Zu dem nämlich machte Hasenhüttl die Begegnung im Nachgang: "Für mich ist es als Trainer wichtig zu sehen, auf wen kann ich mich in solchen Momenten verlassen, wer steht trotzdem seinen Mann und ist bereit, sich dagegen zu wehren, was da auf dem Feld abgeht." Das sei bei einigen Spielern nicht der Fall gewesen. "Aus welchen Gründen auch immer."

Ähnlich nebulös sprach Hasenhüttl auch über den plötzlichen Flutlichtausfall in der zweiten Hälfte, in der sich seine Mannschaft deutlich stärker präsentierte. Zufall? "Ein Schelm, wer Böses dabei denkt", entfuhr es ihm zumindest. "Die Pause hat dem Gegner geholfen." Besiktas hat jetzt schon sechs Punkte, die Leipziger erst einen - weniger als erhofft. Und im Oktober warten auf sie Spiele in Dortmund (BL), in Porto (CL) und zweimal gegen Bayern (BL und Pokal).