Langjähriger Bundesliga-Trainer feiert 70. Geburtstag

Ottmar Hitzfeld: Erst Existenzangst, jetzt die Ruhe selbst

Bewahrte stets die Ruhe: Ottmar Hitzfeld.
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Die Skala der Superlative ist nach oben offen. Super, prima, bestens, ausgezeichnet, antwortet Ottmar Hitzfeld wechselweise, wenn er heute nach seinem Wohlbefinden gefragt wird. Ob er sich nun zu Hause in Lörrach aufhält, in seiner Ferienwohnung in Engelberg in der Zentralschweiz, bei seinem Sohn Matthias und den beiden Enkeln Henry (3) und Carlotta (1) in München oder beim Golfen auf Mallorca. Der einstige Erfolgstrainer, der sich komplett-total-absolut seinem Beruf ausgesetzt hatte, genießt seine aktuelle Lebensphase ohne den professionellen Fußball, von dem er sich am 1. Juli 2014 verabschiedet hat, mit dem Achtelfinale bei der WM in Brasilien, das seine Schweizer Nationalmannschaft 0:1 gegen Argentinien verloren hatte. Sogar seine Expertentätigkeit beim TV stellte er 2017 ein.

Hitzfeld kommt heute völlig entspannt daher. Die Ruhe bewahrte der Meister der Selbstbeherrschung schon immer, selbst in extremen Stress-Situationen; doch ist er augenscheinlich die Ruhe selbst.

So war es nicht immer. Der Familienvater sorgte sich um die Absicherung der Seinen, er fürchtete, entlassen zu werden, und gab im Oktober 2013 zu: "Die ersten zehn Jahre waren von Existenzängsten geprägt."

Hitzfeld: "Je hochkarätiger das Personal, desto sensibler das Gebilde"

Ende Mai 1998 führte der kicker mit dem damals bei Borussia Dortmund als Sportdirektor angestellten Fußball-Lehrer ein Interview, das dessen künftiges, am 1. Juli jenes Jahres beginnende Engagement beim FC Bayern thematisierte. Seine programmatischen Aussagen über Systeme, Taktik, die seinerzeit noch seltene Rotation oder disziplinerhaltende Regeln wurden zu einer Art Regierungserklärung. Vieles setzte Hitzfeld später um. Er wisse, "was auf mich zukommt", sagte er. Wo er beim BVB nach seinem Start 1991 davon gesprochen hatte, er habe dort "vor allem das erste Jahr überstehen wollen", verkürzte er diese Bewährungsfrist für sich in München: "Dort das erste halbe Jahr." Auf die anschließende kicker-Frage, warum diese Vorsicht, antwortete Hitzfeld: "Aus reinem Überlebenstrieb. Ich weiß: Je hochkarätiger das Personal, desto sensibler das Gebilde. In einem Monat kann alles abbröckeln."

Wieso diese heftige Skepsis? Hitzfeld galt doch damals schon als allseits geachteter Erfolgstrainer, mit der Borussia hatte er 1997 die Champions League sowie zweimal die Deutsche Meisterschaft gewonnen, 1995 und 1996.

"Der FC Bayern ist ein hochexplosives Gebilde. Man darf sich als Trainer deshalb nie zu sicher fühlen und muss immer konzentriert arbeiten, sonst kann schnell etwas passieren. Diese Gefahr ist permanent vorhanden."

Ottmar Hitzfeld

Diese Serie setzte er in München sogleich fort. Am 31. Spieltag der Saison 1998/99 sicherte ein 1:1-Remis gegen Hertha BSC Berlin vorzeitig den Titel. Am Sonntagvormittag danach, es war der 10. Mai, erreichte der kicker den Mann, der rund 16 Stunden zuvor zum dritten Mal eine Mannschaft zum deutschen Championat dirigiert hatte, auf dem Weg zum Regenerationstraining. Sonderliche Begeisterung oder gar Euphorie jubelte er da nicht ins Telefon. Vielmehr riss Hitzfeld selbst die Warnungen, die seine Entscheidung für den schwierigen Rekordmeister ausgelöst hatten, an und erklärte auf die Frage nach deren Berechtigung: "Der FC Bayern ist ein hochexplosives Gebilde. Man darf sich als Trainer deshalb nie zu sicher fühlen und muss immer konzentriert arbeiten, sonst kann schnell etwas passieren. Diese Gefahr ist permanent vorhanden." Den Hinweis auf dieses selten ruhige Jahr 1998/99 konterte Hitzfeld: "Zwei Niederlagen - und schon hat man Unruhe in der Mannschaft. Man darf nicht nachlässig werden." Als hätte er's geahnt.

Zweieinhalb Wochen darauf folgte das Finale der Champions League gegen Manchester United in Barcelona, 1:0-Führung dank Mario Baslers Treffer (6.), 1:1 und 1:2 in der Nachspielzeit. Eine außerordentlich dramatische Niederlage. Mehmet Scholl, der gleich nach dem Spiel Lothar Matthäus, weil der vom Platz gegangenen war, kritisiert hatte, wurde von seinem Chef Hitzfeld sofort zu 10.000 Mark Geldstrafe verdonnert, genauso der zugleich suspendierte Thomas Helmer wegen einer beleidigenden Geste gegen den Coach.

Am Freitag nach diesem niederschmetternden Endspiel traf der kicker Hitzfeld, den damaligen Bundestrainer Erich Ribbeck sowie Christoph Daum, der Bayer Leverkusen trainierte, zum Gespräch über die gesamte Saison, die am letzten Spieltag tags darauf die Paarung Erster beim Zweiten, Bayern in Leverkusen, und da einen Münchner 2:1-Sieg sah.

Führungsspieler stärkte Hitzfeld, sanktionierte sie aber auch

Trotz der noch frischen Ereignisse in Barcelona und der deshalb äußerst brenzligen Lage erschien Hitzfeld pflichtbewusst zum vereinbarten Termin im Düsseldorfer Hotel, wo der FC Bayern logierte, und diskutierte mit seinen Kollegen. Hinterher lud er den kicker-Reporter zum Plausch unter vier Augen, "ich habe ja Zeit". Daraus wurden zwei unvergessene Lehrstunden über Psychologie im Fußball und Mannschaftsführung. "In diesen Stunden und Tagen kann hier alles zusammenbrechen", sagte der studierte Pädagoge Hitzfeld damals sinngemäß. Er wusste, "jetzt darf ich keinen Fehler machen, jetzt muss ich die Weichen stellen".

Hitzfeld spürte feinfühlig die teaminternen Strömungen und sprach von der Notwendigkeit stets ausgefahrener Antennen. Seine Stars und Führungsspieler stärkte er, sanktionierte sie aber auch. Als Oliver Kahn Mitte Dezember 2007 den neuen Kollegen Franck Ribery und Luca Toni via kicker erklärte, dass "zwei, drei gute Spiele nicht reichen" in München, weil "Bayern nicht Marseille oder Florenz, sondern wie Milan, Real, Barca, ManU" sei, warf der Trainer eine seiner ersten Bezugspersonen aus dem Kader für das folgende Spiel in Berlin. 25.000 Euro musste Kapitän Kahn obendrein zahlen. Genauso widerfuhr es Claudio Pizarro oder Michael Ballack, weil sie im kicker das System und ihre Positionierung darin bemängelt hatten. Nachdem Matthäus, noch leicht verletzt, im Zuge einer PR-Aktion Ende Oktober 1998 in Sölden Ski fuhr, überraschte Hitzfelds Antwort - die er nicht ungern gab, so der Eindruck - nicht, als er vom kicker nach den Folgen gefragt wurde: Der Rekordnationalspieler musste ebenfalls die damals üblichen 10 000 Mark löhnen. Solch unprofessionelles Verhalten konnte Hitzfeld, der das Wort "Proffi" so schroff artikulierte, "nicht dulden".

"...dann meinen die Leute, wir seien hier im Urlaub"

Er selbst lebte es vor. Bei einem Besuch am Vierwaldstätter See, wo Hitzfeld mit Dortmund zur Sommervorbereitung weilte, war gerade Mittagsruhe für die Spieler. Ihr Trainer lag vor dem verabredeten Termin auf einem Liegestuhl im Seehotel Sternen. Der ebenfalls dazugekommene Fotograf kannte Hitzfeld gut und war optmistisch, dass er den Trainer zu einer Aufnahme - kurze Hose, freier Oberkörper, Liegestuhl, Seeblick - in strahlender Sonne bewegen könne. Hitzfeld stimmte zu, aber schneller als der Fotoapparat machte es in seinem Kopf klick: "Nein, geht nicht, dann meinen die Leute, wir seien hier im Urlaub."

Als 2004 Hitzfelds Abschied aus München nahte, bedankte sich sein kicker-Partner per SMS für die angenehme und faire sechsjährige Zusammenarbeit. Hitzfeld schrieb zurück, bedankte sich ebenfalls, auch wenn es in der damals holprigen Endphase Kritik gegen ihn gegeben habe. Ein Proffi eben. Weil der kicker-Mann weiß, wie schnell in solchen Momenten seine Augen feucht werden, ersparte er sich die offizielle Verabschiedung Hitzfelds.