Dembelé-Entdecker Sven Mislintat über Scouting

"Du musst jetzt auf meinen Sohn aufpassen wie ich"

Von Mislintat entdeckt, jetzt beim BVB gefragt: Jadon Sancho und Dan-Axel Zagadou.
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48 Stunden hatte Sven Mislintat im Oktober 2006 Zeit, um Michael Zorc mit einer Muster-DVD davon zu überzeugen, ihn beim BVB als Scout einzustellen. Er nutzte sie, und noch mehr. "Ich war bald Chefscout und Chefanalyst in einem", erzählt er im Interview mit der "Zeit". "Und mit der Ankunft von Jürgen Klopp, einem meiner wichtigsten Mentoren, habe ich auch die Analysen für die Mannschaft in der Halbzeitpause mitgemacht."

Mislintat avancierte zum Genie im Hintergrund, entdeckte in einem U-18-Spiel von Stade Rennes den Jungen, der Dortmund später per Streik und für bis zu 148 Millionen Euro gen Barcelona verließ. "Ich sah ihn", blickt Mislintat auf das erste Scouting von Ousmane Dembelé zurück, "da hatte er noch nicht ein einziges Mal für Stade Rennes in der ersten Mannschaft gespielt. Ich wette, er hätte anschließend nicht sagen können, welchen Fuß er in bestimmten Situationen benutzt hat. Weil er schlicht nicht darüber nachdachte. Ich fühlte: Das ist ein richtig besonderer Spieler." Auch wenn Dembelé im Streit ging, betont Mislintat, sollte man nicht vergessen, dass "Ousmane mit seinen Aktionen Spiele für uns entschied" und "maßgeblich für den Pokalsieg 2017 verantwortlich" gewesen sei.

Wie Cristiano Ronaldo einen Hausmeister in Lissabon verrückt machte

Was seinen Beruf ausmacht, ist in wenigen Worten schwer zu erklären. "Ich suche nach dem Besonderen, einer Waffe." Tempo in etwa, auch Abschlussqualitäten. "Oder nach einem Iniesta-Brain". Kleinigkeiten entscheiden, ob ein Spieler verpflichtet wird. "Gibt der Spieler noch alles für sein Team, wenn die Mannschaft 0:3 zurückliegt?"

Die "besondere intrinsische Motivation" sei das, was Cristiano Ronaldo zum Beispiel zu einem ganz Großen mache. "In der Nachwuchsakademie von Sporting Lissabon wohnte er mit anderen in einer Turnhalle. Nach drei Monaten kam der Hausmeister zu den Klubverantwortlichen: 'Wir haben da einen Kleinen, der schießt täglich bis Mitternacht den Ball gegen die Hallenwand, um dann zu versuchen, ihn anzunehmen. Was soll ich mit dem machen?' Da haben die geantwortet: 'Lass ihn weitermachen!'" Das Wesentliche der Geschichte: "Es sind die vielen Trainingsstunden, die den Unterschied machen", Talent alleine nicht.

London statt Dortmund: Auch Mislintat ist der Grund für Arsenals Hoch

2017 verließ Mislintat den BVB nach elf Jahren wegen Unstimmigkeiten mit dem damaligen Trainer Thomas Tuchel und wurde "Head of Recruitment" beim FC Arsenal, war dort auch beteiligt an der Verpflichtung von Arsene Wengers Nachfolger Unai Emery. Er ist schon längst nicht mehr nur Scout; "ich muss Talente nicht nur identifizieren, sondern sie auch verpflichten. Schon in Dortmund waren die Übergänge fließend. Bei Dan-Axel Zagadou zum Beispiel, und Jadon Sancho. Da gehörten auch die Gesprächstermine mit den Agenten, den Spielern und ihren Eltern zu meinen Aufgaben. Dan-Axels Vater sagte am Ende zu mir: 'Du musst jetzt auf meinen Sohn aufpassen wie ich.'"

Arsenal erlebt nach zuletzt schwierigen Jahren einen Aufschwung, ist unter Emery inzwischen seit 20 Pflichtspielen ungeschlagen. Grund dafür sind auch die Verpflichtungen des Uruguayers Lucas Torreira und des 19-jährigen Franzosen Matteo Guendouzi. Letzterer "fiel mit seinen langen Haaren und seiner Persönlichkeit gleich auf", aber auch durch "unzweckmäßiges" Rennen "auf dem ganzen Feld". Schwächen sind ebenso wichtig wie Stärken: "Es ist nur eine Frage des Trainings und der Zeit, ihm das abzugewöhnen. Für uns war der Transfer des damals 18-Jährigen wichtig, um der Welt zu zeigen: 'Wir sind wieder das alte Arsenal, das jungen Spielern eine Chance gibt.'"